Schicksals-Roman – die Entscheidungsschlacht

Es wurde immer bedrückender. Das Gefühl, ich könne mit niemandem darüber reden, machte die Sache nicht gerade einfacher. Ich konnte in meinen Gedanken immer wieder bildhaft die Blicke der Leute spüren in dem Moment, wenn Sie meine peinliche Inkonsequenz und Schwäche erkennen würden; ich würde schlagartig zum Gespött werden, die Leute könnten mit ihren Fingern auf mich zeigen und ….

Ich sage Dir, worum es sich dreht: In meinen Skripten, Vorträgen und Vorhaltungen den Katzenbesitzern gegenüber predigte ich immer wieder und in schon schwer erträglichem Masse, diese sollten ihre geliebten Kater- und Katzen- Ungeheuer gesünder und wesentlich besser ernähren.

Bei den Hunden war das alles kein neues Thema mehr, da hatte ich die Ideologien schon so gefestigt und auch durchführbar gestalten können, dass nahezu alles wie am Schnürchen ging.

Doch das Thema Katzen- Ernährung ist beileibe schwieriger, da muss der ehemalige Bergwanderer an die Steilwand. Du glaubst ja nicht, wie stur die Minzi`s in dem Bereich sind und wie heftig daher auch die Futtermittelhersteller ihre trickreichen Künste bei der Suche nach Lockstoffen bemühen müssen.

Und eins muss ich Dir sagen: Du hast in Deinem kurzen Leben sicher noch keine Ahnung davon erhalten können, wie schwer es ist, einen Katzenliebhaber davon abzuhalten, für sein Tier deutlich zu hohe Mengen an vollständig ungesunden (aber umso besser schmeckenden) Lebensmitteln für die absolute Mindestration zu halten.

Klar, die gute Frau Seidel, die als Tierheilpraktikerin in München sehr viele Katzen- Patienten betreut,schilderte per e-Mail immer wieder die phantastischen Erfolge der Darmaktivierungskuren. Logisch, dafür hatte ich das ja auch alles ausgearbeitet, die Substanzen ausgewählt, die Broschüren geschrieben ..Ferner hatte ich ja auch mehr als genug Erfahrungsberichte von starken, vernünftigen und konsequenten Besitzern und Ergebnisse von Kontrolluntersuchungen erhalten; tja, wenn man das Richtige tut, dann muss es halt auch klappen.

Wenn ich aber ( das ist die andere Seite der Medaille) unseren so geliebten Kater Eddy anschaute …Er hatte in den Wintermonaten so viel Speck angesetzt, dass beim Laufen richtig die Wampe hin- und herschaukelte. Ich kann mich nicht herausreden, ich war schuld und sonst keiner, denn ich hatte ihm beim leisesten Hunger- Miau immer wieder die Schüssel vollgefüllt, und dass es sich hierbei in meinen Augen um wesentlich gesünderes Futter handelte, half anscheinend auch nicht zur Speckreduktion.

Zwischendurch hatte ich noch einen Ausfall- Angriff gewagt, indem ich meinen Mitarbeitern schriftlich unterstellte, sie würden dem geplagten Eddy nebenbei zu viel Leckereien zustecken, aber der wurde durch eisiges Schweigen zurückgeschlagen.

Meine Situation wurde immer bedrückender, denn beim letzten Kraulen auf dem Fernsehsessel (Bremen- Hamburg) musste ich erschreckt eine fürchterlich hohe Anzahl weisser Schuppen und heftiger Verfilzungen der zu trockenen Haare auf dem Rücken feststellen …

Es musste gehandelt werden. Am nächsten Morgen machte ich für Eddy eine meiner starken Darmaktivierungskuren, ich sah da eine ganz reelle Chance; was aber geschah ?

Er kam, er sah, er roch …. und dann ging er beleidigt an mir vorbei, ohne einen Happen anzurühren.

Ach Du Schande, ob er jemals wiederkommen würde? Er hatte wohl jegliches Vertrauen in meine Person verloren; ich rief ihm noch hinterher, Eddiiiiie, Happi- Happi … zu spät, nichts mehr zu machen. Kleinlaut wusch ich den Napf aus, tat wieder einen grossen Haufen seines gewohnten, unverfälschten Futters hinein, und richtete ein Stossgebet zum Himmel, mein Kater möge mir verzeihen.

Es kam der Tag, der kommen musste. Eddie lag krank auf seinem dunkelblauen Sofa; ob er noch atmete?

Ich roch es zuerst, dann sah ich das Problem: Blutig- wässriger Kot in seinem Komfort- Klo, darin etliche Stränge der Palme des Seminarraums, die er in seiner Not der Übersäuerung wohl gefressen hatte.

Die Panik kroch in meine Nerven, ich war an allem schuld und jetzt stellte sich die Frage, ob ich Eddy überhaupt noch retten könnte.

Ganz ruhig, nicht ausflippen, ich konnte ihn ja immer noch an die Infusion hängen, aber es kamen mir doch noch einige leichter durchzuführende Massnahmen in den Sinn; daher gab ich ihm erst mal Symbioflor 2 (mikrobielle Therapie) ins Maul und verrührte im Napf ein pflanzliches Styptikum mit drei Bröckchen Futter – mein Gott, konnte ich streng sein.

Ja, aber jetzt musste er es ja auch noch aufnehmen, meine Nerven waren bis zum Zerreissen gespannt.

Ich kam während meiner Arbeiten alle halbe Stunde zum Nachschauen und irgendwann hatte Eddy doch tatsächlich diesen Brei aufgeschlabbert; ich fühlte mich dadurch doch extrem bestätigt, ich war ein Mann, der seine Ziele durchsetzte. Natürlich ging es ihm dann am nächsten Tag auch deutlich besser, mein gestärktes Selbstvertrauen führte zur gleichen Vorgehensweise – was sollte da noch schief gehen?

Am nächsten Morgen schlackerten dann aber doch meine Knie, als ich wiederum die vorher so fehlgeschlagene Darmaktivierungskur einfüllte, aber ich konnte doch tatsächlich der Versuchung widerstehen, zu wenig von den unbeliebten Substanzen beizumengen, die Angst vor der Krankheit war doch noch zu frisch.

Ihr wollt wissen, wie es weiterging ?

Neiiiiin, ein eisiger Knoten entstand in meinem Hals, Eddy roch und ging. Ok, das war Aufforderung zum Krieg, so wollte ich nicht enden, dann eben Kampf! Ich änderte nichts am Napf und ging ebenso.

24 Stunden können verdammt lange sein. Am nächsten Morgen des besagten fünften Mai´s schaute ich vorsichtig um die Ecke, und wollt Ihr wissen, was ich da sah? Ihr ahnt es, ja, es war Eddy, der vorsichtig auf den ungewohnten Substanzen herumkaute, wobei ich ihn auf keinen Fall stören wollte. Das war der Sieg, bzw. das musste er sein, insgeheim und mehrere Male ballte ich die Backhaus- Faust, vollführte exotische Ballettsprünge und betete um weiteren positiven Verlauf der Geschichte.

Meine Karriere vom Feigling zum Feldherrn war atemberaubend; abends schaffte ich es seitdem, auf sein Drängen mit weiteren Füllungen zu reagieren, jeden Morgen erhielt mein Freund seine gleiche Ration in der gleichen Zusammensetzung und so weiter. Mein Stolz war wirklich groß, als ich nach wenigen Tagen die tollen und festen Haufen (die übrigens nicht andeutungsweise so übel wie vorher rochen) wegräumen durfte und nicht minder, wenn ich die nach so kurzer Zeit wieder schlanke Figur und das geschmeidige Fell des Katers betrachten konnte; ja, ich kann es Euch gerne sagen, die Schlacht ward geschlagen; interessant ist auch die Beobachtung, dass Eddy seitdem selbst mit dieser einen morgendlichen Ration echt zufrieden ist, ein sauberer Darm macht eben auch ein wenig schlauer oder so …

Zweiflern allerdings werfe ich mein Gelübde entgegen: Ich werde nie mehr schwach, auf mich könnt Ihr zählen, in dubio pro Katze und in Zukunft immer für den Kater, und nicht gegen ihn, war doch klar,

oder ?

schicksalsroman

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